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Ein Tag in Korinth – mein Tagebuch

TAG 1

Ich bin gerne auf Reisen und besonders freue ich mich auf die, die mir gerade bevorsteht. Ich mache nämlich eine Zeitreise in das antike Korinth. Welche Zeit es sein wird? Wir liegen im Jahr 50 n. Chr. – also fast 2000 Jahre von uns entfernt. Das wird spannend.

Die Stadt liegt direkt an einer Landenge (Isthmus genannt) zwischen den Häfen Lechaion und Kenchräa und ist die Hauptstadt der Provinz Achaja. Als römische Kolonie ist sie so etwas wie Rom in Miniaturausgabe. Wobei, so klein ist die Stadt auch wieder nicht. Sie hat ca. 300.000 Einwohner und wenn mann die Sklaven noch dazuzählen würde, kämen nochmals locker 500.000 Personen dazu. Einst stand Korinth im Widerstand gegen Rom, aber 146 v. Chr. wurde sie von ihnen erobert und komplett zerstört. Erst im Jahr 44. v. Chr. erkannte Julius Cäsar deren strategische Bedeutung, und baute die Stadt wieder auf. 

Ich bewege mich entlang von mächtigen Säulenhallen und Tempeln. Für alle Götter Roms, Griechenlands und z.T. auch Asiens und Ägyptens gibt es hier einen Tempel – heute zähle ich allein 16 davon recht uns links neben mir. Gegenüber dem Senatshaus sehe ich eine übergroße Statue des Imperators – auch er uns seine Familienangehörigen werden hier als „Söhne Gottes“ verehrt. Das Amphitheater ist immer sehr gut besucht. Hier im Theater und im Hippodrom, der Pferderennbahn, liegt as Zentrum der Isthmischen Spiele, die jedes zweite Jahr stattfinden. Sportler aus dem ganzen röm. Reich kommen hier zusammen und wetteifern gegeneinander, um die begehrte Siegeskrone.

Die vielen Villen erzählen die Geschichte einer sehr wohlhabenden Stadt. Hier lebt die römische Finanzaristokratie. Schließlich ist Korinth der Umschlagplatz für fast alle Waren zwischen Ost und West, zwischen Rom, Asien und Afrika. Daher ist die Stadt auch eine multikulturelle Metropole, denn hier leben Menschen aus allen Teilen des röm. Reiches: Handwerker aus Ägypten, Geschäftsleute aus Asien und Italien, Landarbeiter aus Syrien, Seeleute aus Syrophönizien und Juden aus Palästina. Aus allen Teilen der Welt bringen die Menschen auch ihre Kultur, Religion und Traditionen mit nach Korinth. 

Auch wenn sich die Stadt freundlich, fortschrittlich und von der besten Seite präsentiert, hat sie aus sittlicher Perspektive seit je her einen schlechten Ruf. Wenn man in der Antike ein sittenloses Treiben beschreiben wollte, dann benutzte man dafür das Wort: κορινθιάζεσθαι und bedeutete so viel wie „korinthisch leben“ (korinthiazesthai war damals der Inbegriff von Lasterhaftigkeit). 

Heute, am 22. Februar des Jahres 50 ist ein besonderer Tag für diese Stadt. Der große Apostel des Heiden, Paulus persönlich, kommt hierher und bleibt für 18 Monate. Er und seine Mitarbeiter haben eine große Mission. Sie wollen den Einwohnern dieser Stadt Jesus Christus nahebringen, denn Seine Gute Nachricht bringen sie heute in die Stadt. Werden die Menschen in Korinth das Evangelium von Jesus annehmen? Die Konkurrenz zu anderen Göttern und Religionen ist im ganzen röm. Reich kaum größer als hier. Die Strategie von Paulus ist einfach. Zunächst sucht er die jüdische Synagoge am Rande der Stadt auf. Seinen Brüdern, den Juden, fühlt sich Paulus als erstes verpflichtet. Und tatsächlich gibt es hier die erste „Frucht“ – die beiden Synagogenvorsteher Krispus und Sosthenes samt der ganzen Familie bekehren sich, danach die Familie von Titius Justus, einem gottesfürchtigen Römer und sogar ein ranghoher Beamter: Erastus der Stadtkämmerer. 

Kurze Zeit danach gerät die Stadt in einen Aufruhr – die jüdischen Gesetzeslehrer werfen Paulus Gotteslästerung vor und zerren ihn und die ersten Christen vor den Statthalter Gallio. Der will sich aber nicht in die Religionsstreitigkeiten seiner Bürger einmischen und weist die Klage als belanglos ab.

Während der ganzen Zeit arbeitet Paulus in der Firma Priscilla & Aquilla Co. KG als Sattler und Zeltmacher, um seinen eigenen Unterhalt zu verdienen. Warum er sich nicht von den korinthischen Christen unterstützen lässt? Vielleicht erfahren wir davon etwas später…

Hier ist noch ein kleines Video von meinem Besuch in Korinth.

 


TAG 2

Paulus hat nun bereits seit über einem Jahr Korinth wieder verlassen und ist nach Jerusalem gereist. Aber er blieb dort nicht lange. Über seine Heimatgemeinde in Antiochien reiste er weiter nach Kleinasien, bis er in die Stadt Ephesus kam. Dort arbeitet er nun schon seit einem Jahr und gründet überall in der Gegend neue Gemeinden. An diese Gemeinden wird der Apostel Johannes später seine „7 Sendschreiben“ verfassen. Doch wir bleiben zunächst noch in Korinth. Was ist dort inzwischen passiert?

Nach 18 Monaten intensiver Arbeit von Paulus und seinem Team, sind hier viele christliche Hausgemeinden entstanden. Den Berichten zufolge könnte die Gemeinde inzwischen ca. 200 Personen stark sein. Ich will einige dieser kleinen Gemeinden besuchen, um mir ein Bild davon zu machen. Ich besuche die Hauskirche des Aristarchus, dann die von Cloë, danach noch zwei weitere. Hier auf dem Stadtplan zeige ich dir die Häuser, die ich bei der Gelegenheit besucht habe (roter Punkt).

Ich bin etwas irritiert. Es scheint, dass jede dieser Gruppen eine eigene, enthusiastische Fangruppe von einem der „großen Leader“ ist. Die benennen sich inzwischen auch nach ihren Leitern. Da gibt es die Paulaner. Nein, das sind keine Hobby-Bier-Brauer. Es sind die Anhänger des Apostels Paulus. Dann besuchte ich eine Gruppe, die sich Apollinarier nennen – die berufen sich auf einen Reiseevangelisten Namens Apollos. Und da gibt es auch noch zwei ganz spitzfindige Cliquen. Die einen berufen sich auf Petrus, obwohl sie ihn nie getroffen oder gehört haben. Sie wissen allerdings, dass dieser Apostel einer der engsten Vertrauten von Jesus war. Und die letzte Gruppe, die ich kennenlernen durfte, beriefen sich auf Jesus Christus selbst. Sie hielten sich für besonders „fromm und erlöst“ – viel frömmer und heiliger als alle anderen Gruppierungen, mit denen sie am liebsten auch nichts zu tun hätten. 

Das hat mich nicht nur sehr gewundert, sondern auch schockiert. Vor allem die Rechthabereien all dieser Menschen. Jeder versuchte dem anderen zu beweisen, warum er richtiger glaubt und warum sein Leiter der beste, der geilste, der stärkte, der klügste, der heiligste sei. So viel Kabbeleien und sinnlose Debatten habe ich schon lange nicht mehr gehört. Von Liebe und Einheit des Geistes habe ich noch nichts vernommen, nur noch dieses endlose Gerede und Diskutieren.

Eine Gruppe ist mit dabei besonderes aufgefallen. Es sind die Sophisten. Das sind Männer, die aus einer bestimmten philosophischen Richtung kommen und als Wanderlehrer gelten. Sie scharrten Schüler um sich, und lassen sich dafür auch sehr gut bezahlen. Ihre Unterrichtsfächer sind neben Mathematik, Politik und Recht, vor allem die Kunst der Rhetorik – die Redekunst also. Und wie sie reden können! Sie könnten einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen. Ich selbst hörte ihnen wie gebannt zu.

Sie hatten immer den größten Redeanteil in den Versammlungen. Und sie befeuerten auch die endlosen Debatten um Recht oder Unrecht einer Gruppe. Ich musste leider feststellen, dass hinter der brillanten Redekunst dieser Sophisten leider nichts dahinterstand, als nur heiße Luft. Dazu verdrehen sie gerne die Wahrheit, die nichts anderes als deren Vorliebe und Wahrnehmung ist, nur um ein Argument zu gewinnen. Etwas anderes macht mir aber noch mehr Sorgen. Einer ihrer Vertreter, der Sophist Protagoras, propagierte in seiner Lehre diesen Satz: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden, dass sie sind, der Nichtseienden, dass sie nicht sind“. Somit hielten sie den Menschen an sich für das machtvollste Zentrum des Universums. Nicht Gott, oder ein höheres Wesen hätten das letzte Sagen, sondern der Mensch mit seiner begrenzten Wahrnehmung und Erkenntnis. Wie konnte das mit der christlichen Botschaft vereinbar sein? Ist denn nicht Christus das Maß aller Dinge? Aber die Sophisten hier in der christlichen Gemeinde in Korinth waren von Protagoras` Philosophie zutiefst geprägt und überzeugt. So sahen dann auch deren Sitte und Moral aus, deren Maßstäbe sie willkürlich selber setzten. Nicht nur das, sie verherrlichen die „freie Liebe“ und die „Durchsetzung des eigenen Rechts“ in der Kirche um den Preis , selbst wenn sie dafür ihre eigenen Glaubensgeschwister vor Gericht bringen müssen. 

Dieser Tag in Korinth ist für mich ein Schock und eine tiefe Enttäuschung. Weiß Paulus eigentlich, was hier alles so abgeht? Ich hoffe, jemand informiert ihn bald über diese Missstände. Wenn nicht, dann sehe ich für diese Kirche keine große Zukunft. 


TAG 3

Ich treffe mich heute mit Priscilla und Aquila. Beide sind ein Paar und erfolgreiche Geschäftsleute aus Rom. Erst vor kurzem kamen sie nach Korinth und ich will erfahren warum. Sie leben und arbeiten in der Via Ambrosia, nicht weit vom Theater entfernt. Hier reiht sich ein Geschäft ans andere. Kaufleute aus aller Welt bieten hier ihre Waren an. Gehandelt wird mit Lebensmitteln aller Art aus Asien, Afrika und dem fernen Osten, Tontöpfen aus Italien, Kupfergeschirr aus Gallien, Purpurgewändern aus Ephesus, Gewürzen aus Indien und sogar mit Seide aus China. Die beiden Häfen im Norden (Lechaia) und im Süden (Kenchräa) sind ein Garant für einen emsigen Handel und blühenden Wohlstand der Hauptstadt der Provinz Achaja. Und hier mitten in der korinthischen Einkaufsmeile treffe ich das junge Ehepaar.

Um dir mal ein typisches Geschäftshaus in Korinth zu zeigen, zeichne ich dir hier mal einen Querschnitt des Hauses von Priscilla. Direkt an der Straße siehst du den Verkaufsraum. Die Werkstatt selbst befindet sich weiter hinten im Gebäude (rechts). Jede Stadtvilla (in denen meistens nur Wohlabende und Geschäftsleute lebten) hat zwei bis drei Stockwerke, einen offenen Innenhof mit Springbrunnen und Garten. Das meiste Leben spielt sich ja eh draußen ab. Die Schlafräume befinden sich hier vorne links. Dazu hat das Haus einen Pool, einen Festsaal (rechts hinten) und natürlich auch noch einige Werkräume (rechts). In diesem Haus können bis zu 50 Personen gut Platz finden, um z. B. einen Gottesdienst zu feiern. Natürlich wohnten Sklaven und einfache Arbeiter in wesentlich bescheideneren Verhältnissen. Aber Aquila und seine Frau sind schon relativ privilegiert. 

Priscilla ist eine hübsche, hochgewachsene Frau. Sie lächelt und reicht mir einen Krug kaltes Wasser als sie mich begrüßt, und ich merke, wie willkommen sich Menschen in ihrer Nähe und in ihrem Haus fühlen müssen. Sie trägt eine hochgesteckte Frisur aus geflochtenem Haar, ein schlichtes Kleid, das Spuren ihrer Arbeit aufweist und flache Ledersandalen. Leder und Stoffe ist auch das, was die beiden verarbeiten. Sie sind Sattler und Zeltmacher. Es sind beides Produkte, die im ganzen römischen Reich gerade hoch im Kurs sind. Jeder Reisende benötigt einen Sattel, entweder für sein Pferd, seinen Esel oder das Maultier. Und jeder benötigt ein Dach über dem Kopf – ein Zelt, wenn man irgendwo auf den vielen Reisen draußen übernachten muss. Nun kommt auch Aquila aus der Werkstatt und begrüßt mich im wunderschönen Garten des Innenhofs mit einer festen Umarmung und einem Kuss auf beide Wangen. Sie laden mich in ihr großes Wohzimmer, das sich gegenüber der Werkstatt befindet. Es ist mit vielen Polstermöbeln ausgestattet, wo man sich hinlegen kann. Hier ist es etwas kühler als draußen in der heißen Sonne. Diener servieren uns Essen, das wir im Halbliegen zu uns nehmen. Die Sklaven sind alle genauso freundlich, wie ihre Herren. Und ich merke, dass auch Christus hier Zuhause ist. 

Wir kommen ins Gespräch und ich habe viele Fragen. Warum habt ihr unsere schöne Hauptstadt verlasen? Warum Korinth? Wie war Paulus? Was habt ihr für Zukunftspläne? Sie erzählen mir von der Stadt, den Leuten, den vielen Soldaten, die für Ordnung sorgen und auch von der wachsenden christlichen Gemeinde. Und dann auch etwas aus ihrer Heimat, Rom. Dort gab es viele Juden, die den Christen gegenüber nicht wohlgesonnen waren. Sie warfen jeden, der sich zu Jesus hielt aus den Synagogen und brachen alle familiären Beziehungen ab. Außerdem versuchten sie auch immer und immer wieder, Christen wegen Gotteslästerung vor ein römisches Gericht zu bringen. Das sorgte für viel Unruhe bei den Behörden und unter der Bevölkerung, die allerdings immer noch nicht zwischen dem jüdischen und christlichen Glauben unterscheiden konnten. Es ist für sie bis heute alles ein und dasselbe.

Als Claudius, der neue Kaiser, am 25. Januar 41 den Thron bestieg, änderte sich einiges in seiner Religionspolitik. Er war nicht wie seine Vorgänger darauf versessen, als Gott verehrt zu werden. Allerdings stärkte er die Anbetung altrömischer Gottheiten. Fremden Göttern, Kulten und Religionen gegenüber war er feindselig gestimmt. So vertrieb er  alle sog. Mysterienreligionen und fremde Astrologen aus Rom und erließ ein Versammlungsverbot für die Juden. Die Juden, waren ihm deswegen ein Dorn im Auge, weil sie sich ständig stritten. Gerade jetzt zerrten sie Menschen vor die lokalen Gerichten, weil sie an einen „Christus“ glaubten –  keiner aus den Behörden kannten diesen Mann und sie schrieben daher auch seinen Namen falsch – Chrestus. Claudius und die röm. Behörden waren es satt, immer und immer wieder zwischen ihnen zu vermitteln. Und so erließ der Kaiser im Jahr 49 ein Edikt, in dem er pauschal allen Juden befahl, Rom unmittelbar zu verlassen. Dass Christen, nicht alles Juden waren, war damals keinem so wirklich bewußt. Davor waren nun auch Priscilla und Aquila betroffen.

Hier in Korinth haben sie nun ein neues Zuhause gefunden. Kurz nachdem sie hier ankamen, trafen sie auf Paulus den Apostel. Er kam gerade aus Kleinasien und predigte das Evangelium zum ersten mal auf europäischem Boden. Sie fanden gleich eine gemeinsame Sprache. Da Paulus denselben Beruf ausübte, beteiligte das junge Ehepaar ihn an ihrem Business. Tagsüber arbeiteten die in der Via Ambrosia und Abends verkündigten sie die Gute Nachricht. Sie gingen zusammen in die jüdischen Synagogen, aber auch auf Markplätze und in die vielen Tempel, wo sich Menschen aufhielten, die nach Gott suchten. 

Die Resonanz auf den neuen Glauben war erstaunlich. Viele Juden, Griechen und Römer kamen zum Glauben. Zunächst trafen sie sich im geräumigen Haus von Priscilla und Aquila, danach in der Villa von Stephanas und Sosthenes, dann öffneten viele andere Wohlhabende ihre Herzen und Häuser für das Wort Gottes. Sogar der Stadtkämmerer bekehrte sich und in seiner Villa entwand auch ebenfalls eine Hausgemeinde.

Man sah den Glanz auf ihren Gesichtern, während die beiden mir ihre Geschichte erzählten. „Nun wissen wir, warum wir unsere Heimat verlassen mussten“ – sagten sie mir zum Schluss: „Gott hatte einen Plan mit uns und dieser Stadt und wir dürfen Teil Seiner großen Mission sein“. 

Überwältigt von Gottes großer Geschichte und dem großen Herzen von Priscilla und Aquila, gehe ich spät in der Nacht nach Hause. Das war mal ein großartiger Tag in Korinth!