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Lieder, die nicht gesungen werden

Mir ist etwas aufgefallen an der modernen Worship-Kultur. Wir singen heute fast ausschließlich Lieder, die Lob und Anbetung Gottes zum Inhalt haben. Das ist einerseits sehr gut und auch ermutigend.

Zu diesem Themenkreis finden sich tatsächlich auch viele Psalmen, die wir alle lieben:

PS 9: 2 Dich, HERR, will ich loben von ganzem Herzen, von all deinen Wundern will ich erzählen. 3 Über dich will ich mich freuen und jubeln, zur Ehre deines Namens ein Lied singen, du Höchster!

PS 16: 2 Ich sage zum HERRN: »Du bist mein Herr. Nur bei dir finde ich mein ganzes Glück!« 3 Ich freue mich über alle, die zu Gottes heiligem Volk gehören. An ihnen zeigt sich Gottes Herrlichkeit.

PS 103: Preise den HERRN, meine Seele, ja, alles in mir lobe seinen heiligen Namen! 2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 3 Er vergibt dir all deine Schuld und heilt alle deine Krankheiten. 4 Er rettet dich mitten aus Todesgefahr, krönt dich mit Güte und Erbarmen. 5 Er gibt dir in deinem Leben viel Gutes – überreich bist du beschenkt! Wie sich bei einem Adler das Gefieder erneuert, so bekommst du immer wieder jugendliche Kraft. 6 Der HERR vollbringt große Rettungstaten, allen Unterdrückten verhilft er zu ihrem Recht.

Ach, wie gut, dass wir solche Loblieder haben und dass wir sie in unseren Versammlungen singen dürfen.

  • Sie erheben unsere Herzen zu Gott
  • Sie erleuchten unsere Augen
  • Sie befeuern unseren Glauben
  • Sie beflügeln unsere Hoffnung
  • Sie befüllen unsere Liebe

Und doch haben viele Lieder (oder Psalmen, wie sie in der Bibel genannt erden) einen anderen Charakter. 70 von 150 dieser Lieder sind sog. Klagelieder, das sind 47% der Psalmen. Aber diese Psalmen werden kaum oder gar nicht in unseren Gemeinden gesungen. Und ich frage mich langsam, warum nicht? Ich bin überzeugt, dass uns diese Lieder guttun würden, weil sie aus tiefer seelischer Not und Angst geboren wurden. In diesen Klagepsalmen kommt die bedrängte Seele zu Wort:

  • Zweifel werden laut,
  • Furcht und Zittern am ganzen Körper kommen zum Ausdruck,
  • Erschütterungen des Glaubens werden besungen,
  • Zerstörende Gefühle entladen sich, wie z. B. Rache, Todessehnsucht, Vergeltung, Panik, Anklagen Gott gegenüber…,
  • tiefer Schmerz bahnt sich seinen Weg,
  • das Leiden an Gottes wahrgenommener Abwesenheit wird beweint,
  • v.m.

Ich kann mich in diesen Psalmen wiederfinden. Dort findet sich auch meine eigene innere Zerrissenheit wieder. Ich fühle mich von diesen melancholischen Liedern manchmal besser verstanden als von den glasklaren theologischen Aussagen des Paulus und der hoffnungsvollen Botschaft von Jesus. Warum?

  1. Diese Lieder zeigen uns unverblümt die Zustände unserer Seele, die so wechselhaft sein können wie das Meer. Mal still und friedevoll, mal aufgepeitscht und ungestüm.
  2. Diese Lieder sind geniale Poesien. Sie finden eine Sprache und Melodie für unsere innersten Verknotungen, Verkrampfungen, Verunsicherungen und Verwundungen, auf die wir in der Regel nur noch mit eingefrorener Mimik und Sprachlosigkeit reagieren. Paulus kümmert sich um unser unerlöstes Denken, die Psalmen kümmern sich um unsere unerlöste Seele.
  3. Diese Lieder sind authentisch. Es geht ihnen nicht so sehr um Richtigkeit, sondern um Aufrichtigkeit. Deshalb haben wir bei diesen Liedern unmittelbar den Eindruck, dass wir tief in unserem Inneren verstanden werden. Denn auch bei uns geht der Weg zur Richtigkeit immer nur über eine alles offenlegende Aufrichtigkeit.

All das Finden wir auch im Psalm 55.

Dieses Lied ist eine Reise in den Tunnel, durch den Tunnel und aus dem Tunnel heraus. Das Setting am Anfang des Psalms ist Mitternacht, es ist dunkel. Dann wird es immer dunkler, auch wenn man denkt, dass es nicht mehr dunkler werden könnte. Aber die Talsohle ist erst erreicht, wenn wir dem eigentlichen Terror der Seele auf die Spur kommen. Wenn wir erfahren, wo der tödliche Tumor sitzt, der tiefe Schmerz. Das Monster, das die Seele in Aufruhr hält. Dann erst kommt der Sänger ans Ende seines dunklen Tunnels.

Das Licht wird dann heller und kommt immer näher. Bis es wieder hellt leuchtet. Aber das Tageslicht kann erst kommen, wenn die Finsternis der Seele alle Oberhand und Macht verliert. Der Zugriff der Finsternis umklammert den Sänger ferst. Finger um Finger müssen der Reihe nach gelöst werden, bis sich die Klauen der Angst, die sich bereits blutig ins Fleisch gebohrt haben, lösen. Dieser Würgegriff verliert langsam mit jeder gesungenen Note und Zeile des Liedes immer mehr und mehr an Kraft. Das ist das Geheimnis solcher Klagelieder. Sie sind Therapie für eine geschundene und gebeutelte Seele. Der Psalm hat drei Teile: Schrecken, Schmerz, Schalom.

1. Für den Dirigenten. Mit Saiteninstrumenten zu begleiten. Ein kunstvoll gestaltetes Lied. Von David. 2 Höre mein Gebet, o Gott, und verschließe dich meinem Flehen nicht! 3 Schenk mir ein offenes Ohr und antworte mir. Vor Kummer finde ich keine Ruhe, stöhnend irre ich umher.

SCHRECKEN

Das Lied beginnt nicht mit einem Lob. Danach ist dem Sänger gerade nicht. Er ist mitgerissen in einem gefährlichen Strudel. Er japst nach Luft, ringt um sein Leben. Er ist in großer Not. Er fühlt sich gerade wie eine Schwangere in Wehen. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, seine dünnen Lippen Pressen die Worte zischend heraus, sein Herz rast, ihm ist angst und bange.

4 Denn ich höre, was meine Feinde erzählen, dem Druck dieser gottlosen Menschen bin ich ausgesetzt. Sie fügen mir Böses zu, voller Zorn feinden sie mich an. 5 Mein Herz bebt, Todesangst überfällt mich. 6 Furcht und Zittern setzt mir zu, das Grauen droht mich zu ersticken. 7 Darum rufe ich: Ach hätte ich doch Flügel wie eine Taube! Ich würde davonfliegen und mich in Sicherheit bringen. 8 Ja, weit weg würde ich fliehen und in der Wüste einen Ort zum Ausruhen suchen. // 9 Schnellstens würde ich Zuflucht finden vor heftigem Wind und vor Sturm.

SCHMERZ

Zunächst erfahren wir nur etwas über den Zustand seiner Seele. Und auch wenn uns die näheren Umstände noch fremd sind, können wir fühlen und mitfühlen.Das Lied hat uns ergriffen. Es hat einige Saiten in unserem inneren Resonanzraum zum Klingen gebracht.

Auch wir kennen solche Gefühle: Alleinsein und verlassen werden, angefeindet sein und missverstanden werden. Am liebsten würden wir fliehen, ganz weit weg. Wir hoffen auf Erlösung mit der Loslösung von einem bestimmten Ort. Oh, hätten wir doch Flügel, die uns jetzt von hier wegtragen könnten, …  Aber so einfach ist das nicht, denn der Schmerz liegt in uns und nicht vor uns.

10 Entzweie meine Feinde, o Herr, mache sie uneins im Denken und Reden! Ich sehe doch, was von ihnen ausgeht: In der Stadt regieren Gewalt und Streit wie Wächter, 11 die auf den Mauern Tag und Nacht ihre Runden drehen. Leid und Unglück herrschen mitten in der Stadt, 12 in ihrem Innern greift Zerstörung um sich. Auf ihrem Marktplatz nehmen Unterdrückung und Betrug kein Ende. 13 Es ist ja nicht mein Feind, der mich verhöhnt – das könnte ich noch ertragen! Nicht jemand, der mich schon immer gehasst hat, spielt sich gegen mich auf – vor einem solchen könnte ich mich noch verbergen. 14 Aber nein, du bist es, ein Mann, der mir nahestand, mein Freund und Vertrauter! 15 Wie schön war es, als wir noch zusammen waren und unsere Gedanken austauschen konnten! Gemeinsam gingen wir den Weg hinauf zum Haus Gottes, inmitten einer fröhlichen Menge. 16 Der Tod soll meine Feinde wegraffen! Lebendig sollen sie ins Totenreich hinabfahren! Denn Bosheit herrscht in ihren Häusern und in ihren Herzen.

Das ist also die innere Wunde – Verrat eines treuen Freundes, der nun David zum erbitterten Feind geworden ist. Wenn wir uns die Biografie des David anschauen, gibt es dazu tatsächlich eine entsprechende reale Geschichte (2Sam 15). Sein Sohn Absalom rebelliert eines Tages gegen seinen Vater. Er sammelt Abtrünnige um sich und erobert Jerusalem. Er schändet alle Nebenfrauen Davids öffentlich auf dem Dach seines Palastes.

Aber das Schlimmste kommt noch. Der engste Vertraute des Königs, sein bester Freund Ahitofel, schlägt sich auf die Seite Absaloms und wird sein engster Berater. Das bricht David das Herz. Es ist eine Sache von Feinden angegangen und bedrängt zu werden. Das könnten selbst wir noch verstehen und ertragen. Aber der Verrat vom besten Freund – das ist ein Stich direkt ins Herz. Das zerreißt einen innerlich bei lebendigem Leib. Wo gibt es Heilung für eine so sehr verwundete Seele?

SCHALOM

17 Ich aber, ich rufe zu Gott, und der HERR wird mir Rettung schenken. 18 Am Abend, am Morgen und am Mittag klage und stöhne ich – so lange, bis Gott meine Stimme hört. 19 Er befreit mich und lässt meine Seele Frieden finden. Darum können mir die nichts anhaben, die jetzt scharenweise gegen mich stehen.20 Ja, Gott wird mich hören und meinen Feinden die Antwort geben, die sie verdienen – er sitzt schließlich immer noch auf dem Thron und regiert. // Sie wollen sich ja nicht ändern, und vor Gott haben sie keine Ehrfurcht. 21 Der früher mein Vertrauter war, hat seine Hand erhoben gegen seine Gefährten, den Bund der Freundschaft hat er gebrochen. 22 Seine Worte sind butterweich, sein Herz jedoch sinnt auf Krieg! Seine Reden sind glatter als Öl, doch sie verwunden wie gezückte Schwerter! 23 Wirf all deine Last auf den HERRN! Er wird dich sicher halten. Niemals lässt er den zu Fall kommen, der nach Gottes Willen lebt. 24 Ja, du selbst, Gott, wirst die Bösen hinabstürzen in die tiefste Grube. Blutgierige Mörder und Betrüger werden sterben, noch bevor die Hälfte ihrer Lebenszeit vergangen ist. Ich aber vertraue auf dich!

Noch mitten im Kampf kommt Gottes Friede in das Herz des Sängers. Die Umstände haben sich noch nicht geändert. Die Feinde sind immer noch da. Sie toben, schnauben und planen immer noch Davids Verderben. Sie sind ihm auf der Spur. Seine Vernichtung ist beschlossene Sache. Aber David hat bereits seinen König angerufen, seinen besten Verbündeten und Seine Heerscharen. Das Lied wird zu einem Schlachtruf. Der Kampf wird zu einer neuen Instanz delegiert und damit ist er bereits jetzt schon gewonnen. Der König und sein Heer sind unterwegs, das Verderben der Feinde ist beschlossene Sache.

Gottes Schalom ist nicht die Abwesenheit des Krieges, sondern die Anwesenheit des Königs aller Könige mitten in deinem und meinem Krieg.

Dieses Klagelied begann mit einem tödlichen Schrecken, der wie ein Blitz in Davids Leben einschlug. Danach führte und das Lied ist die dunkle Kammer des Schmerzes. Davids Herz wurde durch den Verrat seines besten Freundes zerbrochen, der zu seinem ärgsten Feind wurde. David ruft nun eine höhere Instanz an, seinen Gott und König, der sich um die Feinde kümmern muss und wird. Als David endlich alles loslässt, was ihn ängstigt, wütend macht und in ihm nach Vergeltung schreit, kommt der Schalom. Und damit die Gewissheit, dass Gott nichts entglitten ist, dass Er immer noch die volle Kontrolle hat.

Das Lied ist gesungen, die Umstände haben sich noch nicht geändert, aber David hat sich geändert. Sein Herz hat sich geändert. Seine Perspektive hat sich geändert. Sein Glaube hat sich geändert. Anstelle von Angst herrscht nun Schalom in seiner Seele.

Singt solche Lieder, singt dieses Klagelied. Gottes Geist nimmt uns dabei an die Hand und geht mit uns in unseren Tunnel zum Licht.


Das nächste Lied, das denselben Charakter trägt, ist der Psalm 73.

Dieses Lied ist eine Reise durch den dichten Nebel des Zweifels. Unser Vertrauen wird immer wieder auf die Probe gestellt. Im Garten Eden gab es zunächst nur aufrichtig Glaubende. Dann säte die Schlange die Saat des Zweifels in das menschliche Herz: „Sollte Gott tatsächlich gesagt haben?“. Zweifel können Lügen sein, die uns der Widersacher Gottes ins Herz flüstert.

Zweifel können aber auch dort entstehen, wo wir schlicht und ergreifend an der Wirklichkeit scheitern. Das hat nichts mit dem Widersacher zu tun, sondern mit unserer Torheit. Wir lügen uns oft selbst an und holen uns dann an der Realität eine blutige Nase. Wenn es gut geht, wird dann wieder neuer Glaube aus Zweifeln geboren. Denn bevor robuster Glaube in unser Herz kommt, und Glaube ist in der Bibel immer auch tiefes geistliches Wissen, muss all das, was Einbildung ist, durch Zweifel zerstört werden.

Der Fels des echten Glaubens reibt sich immer und immer wieder an den hohen Wellen des Zweifels.

Jakobus schreibt (Jak 1,2-4): Seht es als einen ganz besonderen Grund zur Freude an, meine Geschwister, wenn ihr Prüfungen verschiedenster Art durchmachen müsst. Ihr wisst doch: Wenn euer Glaube erprobt wird und sich bewährt, bringt das Standhaftigkeit hervor. Und durch die Standhaftigkeit soll das Gute, das in eurem Leben begonnen hat, zur Vollendung kommen. Dann werdet ihr vollkommen und makellos sein, und es wird euch an nichts mehr fehlen.

Der Autor des Psalms 73 heißt Asaph.

Er war ein Levit und Sänger, der z. Zt. Davids lebte und als solcher am Zelt der Begegnung diente. Asaf war aber auch ein „Seher“ (2 Chr. 29,30) – so wurden auch die Propheten des AT bezeichnet. Der Song ist in der ersten Person geschrieben, daher kann man annehmen, dass er biographisch ist. In der Betrachtung der Realitäten des Lebens, kommen dem Prophetensänger große Zweifel an der Gerechtigkeit und Güte Gottes.

Das Lied Asafs ist dreigeteilt: Orientierung, Desorientierung, Neuorientierung.

ORIENTIERUNG

1 Ein Psalm Asafs. Fürwahr, Gott ist gut für Israel, für alle, die reinen Herzens sind.

Das ist der Glaube, in dem Asaf wahrscheinlich aufgewachsen ist. Dieser Glaube war fest verankert im Herzen dieses Mannes: Das ist das erste Fürwahr! Tatsächlich gab es bis dahin im Leben und Glauben des Asaf nichts zu rütteln. Das waren seine tiefsten Überzeugungen und Gewissheiten – das war das tragende Fundament seines Glaubens. Die drei Säulen seines kindlichen Glaubens betrafen:

  1. Das Wesen Gottes: Er ist gut!
  2. Die Erwählung Gottes: Für Israel
  3. Die Fürsorge Gottes: Alle, die reinen Herzens sind

Diese Überzeugungen haben ihn für lange Zeit getragen. So lange zumindest, bis seine „Glaubensblase“ platzte. Irgendwann einmal musste der Sänger und Prophet über seinen üblichen Tellerrand hinausschauen und feststellen, dass sein Bekenntnis zu Gott, dessen Erwählung und Fürsorge für einen bestimmten Kreis von Menschen nur bedingt zutreffend sind.

Er nahm jetzt nämlich das Leben derer unter die Lupe, die nicht nach seinem Glauben und Bekenntnis lebten. Was er dann erkennen und feststellen musste, nahm ihm den Boden unter den Füßen weg. Er geht nun den Weg aus der klaren Orientierung, hinein in das Chaos der Desorientierung.  

DESORIENTIERUNG

2 Ich aber – fast wären meine Füße gestrauchelt, beinahe wären ausgeglitten meine Schritte. 3 Denn ich habe mich über die Prahler ereifert, als ich das Wohlergehen der Frevler sah: 4 Sie leiden ja keine Qualen, ihr Leib ist gesund und wohlgenährt. 5 Sie kennen nicht die Mühsal der Sterblichen, sind nicht geplagt wie andere Menschen. 6 Darum ist Hochmut ihr Halsschmuck, wie ein Gewand umhüllt sie Gewalttat. 7 Sie sehen kaum aus den Augen vor Fett, ihr Herz läuft über von bösen Plänen. 8 Sie höhnen und reden Böses, Unterdrückung reden sie von oben herab. 9 Sie reißen ihr Maul bis zum Himmel auf und lassen auf Erden ihrer Zunge freien Lauf. 10 Darum wendet sich das Volk ihnen zu, das Wasser ihrer Worte schlürfen sie gierig. 11 Sie sagen: Wie sollte Gott davon wissen? Gibt es Wissen beim Höchsten? 12 Siehe, so sind die Frevler: Immer im Glück, häufen sie Reichtum auf Reichtum.

Plötlich befindet sich Asaph im Nebel. Er verliert den Boden unter seinen Füßen und stolpert beinahe. Was ist der „Stein des Anstoßes“? Was wirft Asaf aus der Bahn?

Es ist das Wohlergehen der Gottlosen.

Das Schicksal der Gottlosen widerspricht diametral seinem kindlichen Glaubensbekenntnis: Gott ist gut zu Israel, zu denen, die reinen Herzens sind.

Nun kommen ihm massive Zweifel an Gottes Souveränität und Güte. Wie kann das sein, dass es gottlosen Menschen so gut geht? Wie kann es sein, dass es ihnen besser geht als mir? Warum habe ich denn so viele Opfer für ein gutes Leben Gott gebracht? Es geht anscheinend doch auch anders. Nun ist nicht nur sein Glaube erschüttert, sondern auch all seine Werte. Deses geistliche Erdbeben lässt nur noch eine Ruine des Glaubens übrig.

13 Fürwahr, umsonst bewahrte ich lauter mein Herz und wusch meine Hände in Unschuld. 14 Und doch war ich alle Tage geplagt und wurde jeden Morgen gezüchtigt. 15 Hätte ich gesagt: Ich will reden wie sie, siehe, ich hätte das Geschlecht deiner Kinder verraten.

Anstelle des ersten „Fürwahr“, dass ihm die Gewissheit des Glaubens gab, kommt jetzt das zweite „Fürwahr“, was das Erste komplett unwirksam macht. Er sieht sich nun nicht als Held des Glaubens, sondern als Opfer seines Glaubens. Er sieht sich als gescheitert an.

NEUORIENTIERUNG

Scheitern muss nichts Endgültiges sein. In jedem Scheitern liegt auch die Chance für einen Neubeginn. Wir dachten, dass es nun um Asaf geschehen sei und er im Glauben Schiffbruch erlitten hätte. Aber in der scheinbar nutzlosen Ruine des Glaubens leuchtete doch noch das Licht im Oberstübchen. Es ist noch nicht alles aus, noch nicht alles vorbei.

16 Ich dachte nach, um dies zu begreifen, Mühsal war es in meinen Augen, 17 bis ich eintrat in Gottes Heiligtum und einsah, wie es mit ihnen zu Ende geht.

Das ist der Wendepunkt! So glatt, so erfolgreich, so glücklich, so unbekümmert wie es auf den ersten Blick scheint, ist das Leben der Gottlosen dann doch nicht. Diese Menschen leben scheinbar hinter einer Fassade, die sie sorgsam hegen und pflegen müssen. Aber was verbirg sich hinter dieser Fassade?  

18 Fürwahr, du stellst sie auf schlüpfrigen Grund, du lässt sie in Täuschungen fallen. 19 Wie werden sie in einem Augenblick zum Entsetzen, werden dahingerafft, nehmen ein Ende mit Schrecken. 20 Wie einen Traum, nach dem Erwachen, mein Herr, verachtest du ihr Schattengebilde, wenn du aufstehst.

Hier kommt das dritte „Fürwahr“ in diesem Lied. Es bringt die Gewissheit zum Ausdruck, dass die Geschichte eines Menschen erst dann einen Sinn oder Unsinn ergibt, wenn man sie aus der Perspektive der Ewigkeit betrachtet.

21 Ja, mein Herz war bitter und Schmerz bohrte mir in den Nieren. 22 Ich war ein Tor ohne Einsicht, wie Vieh bin ich gewesen bei dir; 23 aber ich bin doch beständig bei dir, du hast meine Rechte ergriffen.

Der erste Eindruck über die Sorglosigkeit der Gottlosen war nur eine Täuschung, die aus einer Wunde des Neids und der Bitterkeit geboren wurde. Das ganze Streben nach Erfolg, Wohlstand und nach einem unbekümmerten Leben könnte auch nur eine Fata Morgana sein – eine Reflexion und Täuschung unseres sehnsüchtigen Geistes. Als Asaf nun in das Heiligtum, in die Gegenwart Gottes, kommt, wird ihm die rosarote Brille abgenommen und er kann die Realität des Leben wieder so sehen, wie sie tatsächlich ist.

Damit wird der Glaube des Asaf auf ein neues Fundament gestellt – es ist eine persönliche Beziehung zu Jahwe. Wir glauben nicht mit verschlossenen Augen, wir glauben mit offenen Augen. Abgetragen sind die welken Blätter und trockenen Zweige. Der Sturm des Zweifels hat ganze Arbeit geleistet. Der abgebrochene Stumpf sprießt nun doch wieder und gedeiht. Die Wurzel ist in die Tiefe gewachsen, der Baum hat sich in der Krise bewährt.

Das ist die Neuorientierung des Beters:

24 Du leitest mich nach deinem Ratschluss, danach nimmst du mich auf in Herrlichkeit. 25 Wen habe ich im Himmel außer dir? Neben dir erfreut mich nichts auf Erden. 26 Mag mein Fleisch und mein Herz vergehen, Fels meines Herzens und mein Anteil ist Gott auf ewig. 27 Denn siehe: Die fern sind von dir, gehen zugrunde, du vernichtest alle, die dich treulos verlassen. 28 Ich aber – Gott nahe zu sein, ist gut für mich, / ich habe GOTT, den Herrn, zu meiner Zuflucht gemacht. Ich will erzählen von all deinen Taten.

Wann sehen wir richtig? Ich weiß nicht, ob du je im Zweifel warst über deinen Glauben. Ich schon.

  • Kann es sein, dass ich einer Täuschung aufgesessen bin?
  • Warum leben Menschen, die ohne Gott unterwegs sind, oft besser als Christen?
  • Warum leide ich?
  • Warum sehe und spüre ich nur so wenig von dem vielversprochenen Segen Gottes?
  • Warum ich, Gott?

Die Wirklichkeit um uns herum ist äußerst widersprüchlich. Dazu können auch noch die Stimmungen unserer eigenen Seele großen Täuschungen unterworfen sein. Und unser Geist, ist der wenigstens der göttliche Funke in uns? Manchmal können wir uns nicht einmal daran erinnern, was gestern war. Auch der menschliche Geist kann irren. Was bleibt uns also?

16 Ich dachte nach, um dies zu begreifen, Mühsal war es in meinen Augen, 17 bis ich eintrat in Gottes Heiligtum und einsah, wie es mit ihnen zu Ende geht.

Weisheit bedeutet, dass wir das Leben von Ende her denken und leben. Weisheit ist das Leben unter einem weiten Horizont der Ewigkeit. Der Anfang der Weisheit ist die Ehrfurcht vor Gott – so rät es uns Salomo. Diese Weisheit öffnet unsere Augen für die ganze Wirklichkeit des Seins.

Wir leben unser Leben oft wie ein Maulwurf. Dieses Tierchen ist blind, sein ganzes Leben lang. Seine Augen sind zum Schutz durch feine Augenlieder fest verschlossen. Tief unter der Erde braucht er kein Augenlicht. Anderen Sinne helfen ihm zu graben und den nächsten Regenwurm zu jagen. Daher sieht er auch nicht, wieviel Schaden er auf deinem englischen Rasen verursacht. Es ist ihm völlig egal, solange er sich von Erfolg zu Erfolg gräbt. Der einzige Augenblick, in dem der Maulwurf seine Augen öffnet, ist wenn er stirbt. Dann, wenn alle seine Muskeln erschlaffen, gehen seine Augen zum ersten Mal auf.

Was für den Maulwurf zutrifft, trifft auch auf uns zu. Eines Tages werden uns allen wirklich die Augen geöffnet werden. Ich bete, dass wir uns dann in Gottes Heiligtum befinden. Die Entscheidung, wo wir dann aufwachen, liegt heute bei den Lebenden, bei dir und bei mir.

Unser Leben beginnt mit Orientierung, dann geht es in Richtung Desorientierung und dann bekommen wir oft durch Gottes Gnade eine Neuorientierung. Der Psalm 73 besingt die Gesamtheit der menschlichen Existenz, seine Aufs und Abs. Wir sollten solche Lieder singen, weil auch unser Leben all der Tragik unterworfen ist und weil sich Frömmigkeit nicht nur auf den Gipfeln der modernen „Halleluja-Kultur“ abspielt.